Atelieransicht, 2005


 
 

Das Wechselspiel zwischen Text und Bild ist ein komplexes Thema, handelt es sich doch um ein weltweites, interdisziplinäres Projekt, das mittlerweile den modernen Alltag mitprägt. Alexander Krause bezieht die Texte seiner Gemälde und Zeichnungen aus einem Fundus gesammelter Sätze, die jeder schon einmal gesagt oder gehört haben könnte. Historische und literarische Anleihen mischen sich mit banalen Alltagsfloskeln. Aufgeschnappte Sätze werden notiert, um sie zu gegebener Zeit zum Einsatz zu bringen. Alexander Krause verhält sich wie ein Feldforscher, der aufzeichnet, beobachtet, der uns und die Gesellschaft gewissermaßen „belauscht“. Er stochert und siebt absichtslos im verbalen Alltagsschrott, piekt Gelesenes, Literarisches auf, sammelt für ihn wertvolle Fundstücke, die er individuell aufarbeitet, manchmal sogar zu persönlichen Botschaften für eine bestimmte Person.

Diese individuell modifizierten Sätze überträgt der Künstler als zusammenhängende Buchstabenketten auf einen passenden Bildträger. Das Spektrum ist breit gefächert, aber stets auf die Kategorien Farbe, Linie und Fläche konzentriert. Es umfasst Wandarbeiten, Arbeiten auf Papier, Leinwand oder Aluminium. Sie sind mit Farbe gemalt, Faserstiften, Kreide oder Tusche gezeichnet oder bestehen aus reinem Pigment. Parallel dazu entstanden Plakate am Computer.

 

Plakate, 2002, Format variabel


 

Die teilweise unorthodoxen Umbrüche der Sätze strukturieren die Bildfläche und bremsen die Lesbarkeit. Hat man erst mal einen Satz entziffert, ist er noch nicht entschlüsselt. Wer spricht?
Zu wem? In welchem Zusammenhang? Fragen, die den Betrachter und die Betrachterin amüsieren, bestürzen, ärgern können; kurzum beschäftigen, denn wir fühlen uns unmittelbar angesprochen und gemeint.

Vom Ansatz her arbeitet Alexander Krause in klassischer Konzeptmanier. Erst denken, dann handeln. Im Unterschied zur Konzeptkunst stellt die Ausführung aber nicht ausschließlich das Produkt intellektueller Vorarbeiten dar. Genauso wichtig wie der Text ist die Bildfläche. Der technische Umsetzungsprozess hält eine ganze Reihe Unabwägbarkeiten bereit. Falten in der Leinwand sind nicht beabsichtigt, werden aber vom Künstler als charmante Geste des Zufalls akzeptiert, wenn sie die Authentizität der Sätze unterstreichen.

 


o.T., 2005, Öl auf Leinwand, 394 x 150 cmn

Zeichnung, 2004-2005,Tusche, Faserstift auf Papier, 23 x 23 cm

 

Die bewusst lässige Ästhetik vermittelt nicht nur kühles Understatement sondern einen sensiblen Blick und ein gutes Gehör für existentielle Fragen. Medienreflexion und Zeitkritik ergänzen sich, um Überlegungen zur Position des Individuums und seiner Befindlichkeit, in einer zwanghaften
und hochneurotischen Gesellschaft in den Blickpunkt zu rücken.

Immer wieder gerät der Betrachter ins Stolpern über ironische Untertöne - inhaltlich und formal vorgetragen - , verliert den Rhythmus im Zeilenfluss, misstraut seiner Wahrnehmung, sieht Missverständnisse auftauchen. „Ein Spiegel der Gesellschaft?“ könnte man sich zurecht fragen,
die sich immer wieder dem Zwang zur Systematisierung und dem Ruf nach Autorität unterwirft, um Pluralität, Widersprüche und Paradoxa von sich fern zu halten.

Die Geschwindigkeit des Medienzeitalters überspült die Wahrnehmung nicht nur mit Bildern und Statements, sondern sie hält den Austausch von Informationen in Bewegung und erleichtert die Aneignung von Wissen. Eines der Handicaps dieser Gesellschaft könnte vielleicht einmal mangelndes Erinnerungsvermögen sein. Alexander Krause hat dafür Bilder entwickelt, die zwar schnell erfassbar sind, sich aber erst mit der Zeit erschließen. Es gilt, die Langsamkeit zu entdecken. Aus einem unendliche denkbaren Datensatz werden Sentenzen isoliert und zu Dokumenten unserer Sprachkultur, zu Mythologien aus dem Alltagsleben. Insofern repräsentiert die Arbeit von Alexander Krause eine erweiterte Form von Literatur.

In der „visuellen Poesie“ ist das Alphabet eine Form, jeder Buchstabe eine Bewegung. Das Gestalten mit Wörtern oder Sätzen war vom Sehen seiner Form beeinflusst. Die Form der Typographie dominierte den Text. Bei Alexander Krause liegt die Aufmerksamkeit nicht auf der darum bewusst nüchternen Helvetica-Typografie, sondern auf dem Text und möglichen Sinngehalten. Im Gegensatz zu KünstlerInnen, die Handschrift als stilistisches Mittel und die Gebärde des Schreibens als Metapher benutzen. Wo Schreiben und Malen ist dasselbe ist, sind die Buchstaben mit der Schablone gesetzt. Trotzdem handeln die Werke von Malerei. Nur tritt sie nicht programmatisch auf. Die malerischen Qualitäten entfalten sich ganz frei und zwanglos, im Zusammenspiel mit dem Ort, seinem Licht, in Beziehung zu den RezipientInnen.

 

o.T., 2002, Faserstift auf Leinwand, 130 x 148 cm

 

ICH HABE NICHT DEN GANZEN TAG ZEIT MIT MEINEN FANS ZU FICKEN.

Klingt nicht gerade rhetorisch elaboriert. Unsere Sprache ist codiert, ein Zeichensystem zur Verständigung zwischen mindestens einem Sprecher und einem Empfänger. Ob wir uns verstehen hängt von der Übereinstimmung unserer Codes ab (phonologisch, syntaktisch, semantisch, kulturell). Zwei F-Wörter in diesem Satz assoziieren mit ihren Anglizismen und ihrer Explizitheit, dass der Sprecher oder die Sprecherin den Code der Subkultur verwendet. Irritierend ist die epische Breite, die der Aussage Nachdruck verleiht. Zum „Fan“ gehört der „Star“. Im Hinblich auf die zeitaufwendige Linienstruktur, die den Text erst lesbar macht, könnte es z.B. der Künstler selbst sein, der in ein ironisierendes Selbstportrait zeichnet.

Die Statements und Behauptungen sind anspielungsreich. Manchmal scheinen die Inhalte zwischen Werbebotschaft, politischer Parole und Gedicht zu oszillieren und der Leser ist geneigt sich anderweitig Gehörtes ins Gedächtnis zu rufen: „Lebst Du schon oder wohnst Du noch?“, „Draußen nur Kännchen“ oder er ist versucht selbst zu „dichten“. Eigeninitiative ist durchaus gefragt. Es gibt keine Geheimnisse. Keine technischen Tricks. „Suchen Sie sich einen Satz, kreisen Sie um sich selbst. Kaufen Sie eine Spirale, machen Sie was Sie wollen, denken Sie drüber nach.“


 

Spirale mit Text, 2005/2006, Zeichnung auf Papier

Ausstellungsansicht, Gesellschaft der Freunde Junger Kunst,
Baden-Baden, 2006

 

 

Doppelsinnige Worte, die polemisch oder proklamierend klingen können. Trotz der schnörkellosen Schrift und nüchternen Deutlichkeit suggerieren die Texte eine poetische bisweilen zarte, melancholische Stimmung. Am Ort ihrer Präsentation entwickeln die Arbeiten ein mehrstimmiges Beziehungsgeflecht. Das Verhältnis zum konkreten Ort, seinen sozialen und kommunikativen Funktionen, entscheidet. Es ergeben sich narrative Bezüge, frei assoziierbare Geschichten, die häufig um Körperlichkeit kreisen, von Moral, von Begierden, Ängsten und Träumen des Menschen handeln. Emotionen so unberechenbar wie Worte, die nicht nur einem etymologischen Prozess unterworfen sind, sondern sich im Moment ihrer Aussprache bereits verformen können und selten so verstanden werden wie wir sie wirklich gemeint haben.

 

Spirale mit Text, 2005/2006, Zeichnung auf Papier

 





*1971 in Karlsruhe, lebt und arbeitet als freischaffender Künstler in Berlin

 
1996-2002
Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, Meisterschüler von Prof. Ernst Caramelle
2003
Stipendiat der Studienstiftung Baden-Württemberg.
Ausstellungen (Auswahl)
2006

2005

KASTANIENALLEE, Berlin

OBERVIERTEL,mit Tinka Stock und Horn & Hannes, Schapp – der Effektenraum / Raum für zeitgenössische Kunst, Stuttgart

2005-2002
Projektraum "Kaiserpassage 21a", Karlsruhe mit Skafte Kuhn, Manfred Stumpf, Lutz Fezer. www.kaiserpassage21a.com
2004
IFYOUWANTTOMAKEITYOUHAVETOFEELFREEFIRST Evangelische Gesamtkirche, Hospitalhof, Stuttgart (Einzelausstellung)
Stiftung Geisstraße Sieben, Stuttgart, DIRISTNICHTSGLEICH, Gedenkveranstaltung wider dem Faschismus und Ausländerfeindlichkeit
2003
GOTT RETTET STUTTGART, Kunststiftung B-W, Stuttgart
MORGEN IST NUR FÜR ARSCHLÖCHER, mit Lutz Fezer und Tinka Stock, E-Werk Hallen für Kunst, Freiburg
2001
"je ne regrette DESIREE", Gesellschaft der Freunde junger Kunst, Baden-Baden


nach oben | home