THE ASCENSION OF OBDURACY
2007, Wallpaper (ca. 300 x 1000 cm), Styropor, Leuchstoffröhren, Gaffatape,
18 Prints (je 25 x 25 cm, auf Dibond kaschiert), Spiegel, Leuchte
Installationsmaße variabel

LOVE SONG, 2003
Video-DVD, 3.05 min. (Plansequenz, als Loop abgespielt)

 
Breathing slow: zu den Arbeiten von Christian Ertel

„(...) Benehmen wir ihm das Fremde,
machen wir seine Bekanntschaft, halten wir
mit ihm Umgang und lassen uns nichts so
oft in Gedanken vorbeieilen als den Tod (...)
Es ist ungewiss, wo uns der Tod erwartet;
erwarten wir ihn also allenthalben!
Sinnen auf den Tod ist sinnen auf Freiheit.
Wer sterben gelernt hat, ist kein Sklave mehr.“ (Montaigne)

Tod und Vanitas stehen Trash und Kitsch gegenüber. Angst und Verzweiflung vor der vermeintlichen Ausweglosigkeit konterkariert von Selbstironie und dem Lächeln eines Totenschädels, das sagt: „rien ne va plus, faites votre jeu!“ Im Inneren drängt das Unbekannte, das Absolute weiter, findet seinen Ausdruck in Kreativität als der positiven Seite der Aggression. Etwas Bestehendes wird zerstört, um Neues zu schaffen.

 
DEATH RAY LOTUS
2007, 145 x 145 x 130 cm
Styropor, Leuchtstoffröhren, Gaffatape

Die Magie des nicht Sichtbaren und das Paradox der Anwesenheit in der Abwesenheit sind zentrale Themengebiete für die künstlerische Auseinandersetzung von Christian Ertel. Seine Arbeiten umkreisen dabei immer wieder individuelle und kollektive Erlebniswelten und machen sie in einem Akt der materiellen Transformation sinnlich wahrnehmbar. Für den Betrachter erscheint dies wie ein Zauber, während der Künstler selbst auf der absoluten Einsehbarkeit und Banalität seiner Mittel besteht. Doch gerade darin liegt ja die Faszination, dass alles ganz simpel ausschaut und doch Unvorstellbares geschieht. Die Welt ist voller Zeichen und Symbole, die in verschiedenen Gesellschaften die gleiche, aber nicht dieselbe Bedeutung haben. Der Totenkopf steht in Europ ebenso für Tod wie in Mittelamerika, nur wird in beiden Kulturen vollkommen unterschiedlich mit diesem Thema umgegangen. Die Frage nach kulturellen und oftmals auch subkulturellen Wurzeln beschäftigt den Künstler ebenso wie naturwissenschaftliche Erklärungsmodelle für Wahrnehmungsphänomene, zum Beispiel aus der Quantenmechanik oder Neurobiologie.

In innere Recherchen zu Formfragen mischen sich im Laufe des Arbeitsprozesses Persönliches und Erkenntnisse unterschiedlicher Wissenschaftsgebiete. Bei den Arbeiten von Christian Ertel handelt es sich in der Regel um intermediale Installationen, die für ganz bestimmte Raumsituationen konzipiert und realisiert werden. Zu den Medien, die er verwendet, gehören neben Video und Objekten immer wieder Soundelemente. Im Zentrum jeder Arbeit steht der Raum und die Bezugnahme auf seine architektonische Struktur, seine Atmosphäre, die Möglichkeiten ihn sich anzueignen, um ein autonomes Werk zu schaffen, ohne dabei den Raum zu besetzen. Christian Ertel versteht Raum als einen umbauten, geschlossenen Wahrnehmungsbereich und als ein Dialogfeld, in das er eintritt. Jeder Raum ist ein Wirklichkeitsmodell, ein Spielfeld, in dem bestimmte Regeln gelten, die abstrakt gesehen genauso für den äußeren, unendlichen Raum maßgeblich sind und damit letztlich für die Gesellschaft und soziales Interagieren. Der Dialog, den er in Gang setzt, entspannt sich nicht nur zwischen Künstler und Raum, dem Werk und seinen Betrachterinnen und Betrachtern, sondern kann auch zum Gespräch mit den Werken anderer Künstlerinnen und Künstler werden (BIG BLACK SOMETHING, 2003 im Dialog mit Arbeiten von Anja Schwörer, in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden)

 
Den Raum nicht zu besetzen und damit in Besitz zu nehmen, heißt auch, dass es sich bei den installativen Eingriffen vorrangig um temporäre Einbauten handelt, die später problemlos, ohne Spuren zu hinterlassen entfernt werden können. Zum Hauptwerkstoff der sensiblen, auf Grund ihrer Leichtbauweise und ihrer minimalistischen Ästhetik oftmals fragil wirkenden Installationen, gehört neben unbehandeltem Schichtholz, Montageband und Kunstleder vorwiegend Styropor. „Styropor® ist ein treibmittelhaltiges, expandierbares Polystyrol (EPS). Es entsteht durch Polymerisation von Monostyrol und unter Zusatz von Pentan. Styropor® zeichnet sich aus durch ein sehr gutes Wärmedämmvermögen, durch hohe Druckfestigkeit, hervorragende Stoßdämpfung, geringes Gewicht und Feuchteunempfindlichkeit. Ein entscheidender Vorteil von Styropor® ist sein günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis. Das wird in vielen Anwendungsbereichen deutlich.“ Die Eigenschaften, die Styropor auszeichnen sieht man ihm an, wenn es von Christian Ertel verarbeitet wird. Es wird im genormten Fertigmaß eingebaut in eine einfache Lattenkonstruktion mittels eines Stecksystems, das nicht nur raffiniert ist, sondern die technische Konstruktion der daraus entwickelten Wandflächen und Raumecken betont. Styropor hat aber noch weitere Eigenschaften. Es reflektiert hervorragend Licht und spaltet UV-Strahlen in blaues Licht und infrarot auf. Kunstlicht in Form von Leuchtstoffröhren bildet eine weitere formal und inhaltlich wichtige Komponente in der Arbeit von Christian Ertel. Licht ist zum einen Informationsträger für alles, was visuell wahrnehmbar ist. Zum anderen kann es als autonomer Bedeutungsträger für das Transzendentale stehen und gleichzeitig Einzelteile seiner Installationen in ihrer Bedeutung miteinander verlinken. Leuchtstoffröhren tauchen als Einzelstäbe auf (TRIS, 2003/2006), im Verbund (BIG BLACK SOMETHING, 2003) oder als indirektes Licht (FADE FROM WHITE TO WHITE, 2003). Form, Funktion und Beschaffenheit variieren.

TUBE-RIDING, 2001
Leuchtstoffröhren, Nylonschnur, Gewebeplane, Holzlatten
Installationsmaße variabel (Lichtobjekt: 80 x 185 x 150 cm)


Für die Arbeit TUBE-RIDING, 2001, verwendete Christian Ertel alte, unterschiedlich stark abgenutzte und dadurch verschiedenfarbige Leuchtstoffröhren, deren grelles Licht von einer patinaartigen Staubschicht gemildert wird. Ohne Fassung und Verankerung bilden sie einen autonomen Körper, der im Raum zu schweben scheint. Die Verkörperung eines emotionalen Urzustandes? Eine Woge des Glücks, welches Licht ist ebenso ephemer wie Klang. Und Sound ist ein weiterer wesentlicher Bestandteil seiner Werke. Häufig sind Licht und Klang sogar identisch, werden Leuchtkörper zu Klangkörpern, indem mikrofonierte Leuchtstoffröhren als gläserne Membran dienen. Die Einbeziehung von elektronischem - oder genauer gesagt - von analog generiertem Sound entspricht nicht nur dem Gedanken, dass sich das Raumerleben der Rezipientinnen und Rezipienten auf eine weitere Sinnesebene erstreckt, sondern der Künstler versteht (akkustische) Schwingung als räumliches Prinzip, da Schall unweigerlich auf die spezifische Raumsituation reagiert. Sound sollte nicht musikalisch interpretiert werden, sondern eher als Anti-Musik, als Abwesenheit von Musik. Vergleichbar mit dem Konzept von Zeichnung als Negation von Zeichnung und von Anti-Malerei, das Christian Ertel in seiner Arbeit praktiziert. Spröde, übersichtlich und wiederkehrend wie die Konstruktionsmaterialien kann auch das Formrepertoire von Christian Ertel charakterisiert werden. Es konzentriert sich auf die geometrische Abstraktion: die vertikale und horizontale Linie, Kreis, Quadrat und aufeinander abgestimmte Proportionen. In BIG BLACK SOMETHING zeigt sich dies durch die Reduktion auf den geometrischen Ursprung, den Nullpunkt einer Matrix, dargestellt durch drei sich orthogonal kreuzende Achsen.

Tris, 2006
Alabasterminiatur, Bleistiftzeichnungen, Draht, Holzlatten, Magnete,
Papierklebeband, PVC, Styropor, UV-Leuchtstoffröhre
Installationsmaße variabel


In der Ausstellung „Leinzell open“ vom 20. Mai bis 25. Juni 2006 zeigte Christian Ertel TRIS, 2006. Schloss Leinzell, erbaut um 1650, ist heute Sitz der Stiftung Helmut und Silvia Wickleder. Das stark beschädigte Gebäude befindet sich in der Renovierung. Währenddessen kuratiert dort für einige Wochen im Jahr der Künstler und Professor für Transfertechnik an der Kunstakademie Karlsruhe Axel Heil Ausstellungen. Christian Ertel ha mit seiner Installation nicht nur auf den Zustand des Verfalls und den melancholische Charakter vergangener Zeiten reagiert, sondern die Überlagerung von Geschichte sichtbar gemacht. Ein abgetretener moosgrüner Filzteppich, an der Decke zerbrochener Stuck, alte Elektroinstallationen, von der Wand schälen sich die Schichten der Historie: Raufasertapete, darunter Zeitungspapier und Reste einer bräunlichen Stoffbespannung, deren salonfähiges Dekor den Glanz längst vergessener Zeiten bezeugt. Am Boden verteilt liegen scheinbar zufällig ein paar Insektenflügel aus Papier. Es handelt sich um Bleistiftzeichnungen der Flügel des Monarchschmetterlings. Ein Mal im Jahr sammeln sich die Monarchas bei El Rosario , Mexiko, auf einer geringen Fläche von nur einigen hundert Quadratmetern zu Millionen auf Baumzweigen. Die Zahl ist so groß, dass sich die Äste unter dem Gewicht der Schmetterlinge biegen. Viele der Insekten werden gefressen, ihre Flügel fallen zu Boden. Die Monarchas wandern von Kanada nach Mexiko, eine Strecke von ca. 4.000 km, und kommen dort meist pünktlich am 1. November an, dem Tag der Toten. Zu Frühlingsbeginn starten sie ihre Rückreise. Wie sie sich orientieren, ist noch nicht wirklich klar. Insekten verfügen über ein faszinierendes Wahrnehmungssystem. Sie sehen zum Beispiel Licht, das für uns unsichtbar ist oder hören Schallwellen, die außerhalb unseres Wahrnehmungsbereichs liegen. Vor die original belassene Zimmerwand hat der Künstler mittig eine weiße Fläche aus sechs weißen Styroporplatten montiert und sie mit braunem Papierklebeband an den Rändern befestigt. Die weiße Wand bildet den Bühnenhintergrund für ein seltsames Objekt, das magisch anzieht. Es setzt sich zusammen aus zwei konischen Formen, Fassungen, die Magnete ummanteln und vertikal zueinander ausgerichtet sind. Der eine Magnet hängt an einer Gitarrensaite von der Decke, der andere wurde mit einer solchen von unten befestigt. Die Montage ist offensichtlich kein Geheimnis. Unsichtbar, aber deutlich wahrnehmbar dagegen ist das Energiefeld, das die beiden Magnete zueinander ausrichtet. Im leeren Raum zwischen ihnen liegt ein kleiner Totenkopf aus Alabaster. Ein Fundstück, das Christian Ertel von seinem Stipendienaufenthalt in Mexiko mitgebracht hat. Dieser bildet das konkrete Kernstück der Arbeit, um den ein installativer Kosmos wächst, ein magischer Trash-Schrein um ein Souvenir-Relikt, ein plastisches Requiem von sprödester Oberfläche. Beleuchtet mit ultraviolettem Licht wird die Szenerie aus der Ecke heraus von einer Leuchtstoffröhre, wie sie in Bräunungsstudios verwendet werden. Dieses verhält sich, wie Magnetfelder, für den Menschen unsichtbar. Insekten können sich jedoch danach orientieren und werden von ihm angelockt. Weiße Blüten beispielsweise schillern für Bienenaugen ultraviolett.

TRIS verbindet archetypische Bilder mit zarter, ungeschminkter Sinnlichkeit und dem Kontrast einer synthetischen Materialästhetik. Daraus erwächst poetische Intensität. Es entspannt sich ein vielschichtiges, narratives Netz, das individuelle und kollektive Erfahrungen anspricht. Gewusstes und Geahntes, Erfahrung und Beweis, Materie und Immaterialität, Isolation und Kommunikation, Verwahrlosung und Schönheit, Vergangenheit und Gegenwart manifestieren sich in einem Schwebezustand.

Breathing slow.
Wie bezeichnet man eigentlich den Raum zwischen der linken und rechten Hemisphäre?
Was die unsichtbaren Magnetfelder der Erde angeht, so nimmt man an, dass sich die Monarchschmetterlinge in ihrem Flug danach richten.

1 Michel de Montaigne: Essais, „Philosophieren heißt Sterben lernen“, übertragen von Johann Joachim Bode, Frankfurt/M. (Insel), 1991, S. 10ff.


 
*1976 in Karlsruhe
lebt und arbeitet in Karlsruhe

1997-2003
Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, Meisterschüler bei Prof. Max Kaminski
Auslandstipendium Künstlerwege, Bratislava, Slovakei, Academy of fine Arts and Design bei L´ubo Stacho und Daniel Fischer
Auslandstipendium des Landes Baden-Württemberg, Mexico City, La Esmeralda, Centro Nacional de las Artes bei José Luis Sanchez-Rull
2006 CITE INTERNATIONAL DES ARTS PARIS
Ausstellungen (Auswahl)
2007/08 TOMORROW WE WILL WAIT FOR YOU, FGS Galerie, zs. mit John Isaaks
www.Ferenbalm-Gurbrüstation.de Karlsruhe
2007 I DON'T WANNA GROW UP, zs. mit Tinka Stock, HOLDEN, Darmstadt
2006
LEINZELL OPEN II, Schloss Leinzell, Helmut und Silvia Wickleder Stiftung
SLICES OF LIFE, FGS Galerie, Karlsruhe www.Ferenbalm-Gurbrüstation.de
2005 LEINZELL OPEN, Schloss Leinzell, Helmut und Silvia Wickleder Stiftung
2003 TWILLIGHT ZONE, E-Werk, Hallen für Kunst, Freiburg

LA ESMERALDA, Centro Nacional de las Artes, Mexico City
SURFEN, Kunstverein Villa Streccius, Landau
TOP 03, Meisterschülerausstellung, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden
2001 Mostra T!, Pesaro/I  
POLY GALERIE, Karlsruhe
1999 SLIDES, SOUND, SUSHIBAR, Badischer Kunstverein, Karlsruhe

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